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Games auf der Leinwand: Geschmähte Perlen

Zwar ist es hierzulande noch nicht ganz soweit, aber langsam sickert es in die öffentliche Wahrnehmung ein: Videospiele sind eine eigene Kunst- bzw. Erzählform mit ganz eigenen Ansprüchen an eine gute Verfilmung. 

Von den Comics lernen

Comics sind seit Kurzem dort angekommen und ihre Verfilmungen werden daher mittlerweile nach denselben Kriterien bewertet, nach denen auch andere Filme bewertet werden. Sowohl vor als auch nach der Produktion. Es ist eigentlich noch gar nicht so lange her, als selbst für Filmstudios klar war, dass man eine Comicverfilmung nicht ganz so ernst nehmen muss, wie eine »richtige« Literaturverfilmung.

Schöne Beispiele sind die alten Batman-Verfilmungen in bunten Plastikkostümen, das quietschbunte Stück Filmgeschichte »Dick Tracy« (von 1990) oder die »Phantom«-Filme der 90er, in denen man ja ganz offensichtlich gute Action- oder Spannungsfilme produzieren konnte.

Stan Lee selbst nannte die, auch damals schon ziemlich peinlichen, Spider-Man-Filme der 70er und 80er Jahre perfekt, einfach aus Mangel an Perspektive, dass  eine Comicverfilmung auch ernsthaft umgesetzt werden könnte. Gerade diese Anekdote ist aus heutiger Sicht immens erheiternd. Klar macht die Technik heute vieles möglich, was damals einfach nicht denkbar war – aber das nur der Technik anzulasten, ist zu einfach.

Bis vor kurzem noch trauten Autoren dem eigenen Quellmaterial so wenig, dass sie es zur (oft sinnentleerten) Unkenntlichkeit umschreiben oder regulieren mussten, damit sie es als »Leinwand-geeignet« erachteten. Heraus kamen so Glanzstücke wie »Catwoman«, »Æeon Flux« oder »Elektra« – die übrigens dann auch noch dreisterweise als Beispiel angeführt wurden, warum weibliche Helden im Kino nicht funktionieren. Glücklicherweise haben wir mit »Wonder Woman« mittlerweile ein immens erfolgreiches Gegenbeispiel.

Der Fairness halber – »Green Lantern« oder »Daredevil« liefen auch, aus denselben Gründen, ziemlich mies.

Diese Filme gelten in aller Wahrnehmung als gar nicht mal so gut. Zu Recht. Und das sind nur fünf Beispiele, in denen aus einer knackigen Vorlage ein weichgespültes Unsinnsprodukt herauskam, das niemanden so richtig angesprochen hat.

Ein Wechsel der Wahrnehmung

Man kann also durchaus von einem Wechsel in der Wahrnehmung sprechen. Ein Wechsel, den Videospiel-Vorlagen neu für sich beanspruchen müssen, da sie scheinbar nicht von den Erfahrungen der Comic-Verfilmungen profitieren können. Klar, es ist wieder ein komplett anderes Medium – im Gegensatz zur linearen Struktur eines Romans oder Comics ist ein Videospiel oft multi-linear und auf Spielerentscheidungen basierend. Aber selbst komplett lineare und simple Spiele sehen sich bei ihrer Verfilmung vor denselben Hürden, vor denen bereits Comic-Verfilmungen vor Jahrzehnten standen.

Auch weil die Ansprüche des Publikums mit den stetig besseren Comic-Verfilmungen gestiegen sind. Popkultur hat immer seltener im Anspruch das Nachsehen gegenüber »ernsthaften« Werken – der Unterschied zwischen »ernsthafter« und »Unterhaltungskunst« ist ohnehin etwas, das nur wir Deutschen machen. Das ist seltsam genug.

Gerade weil die Ansprüche andere sind, werden Verfilmungen von Videospielen oft etwas unfair bewertet. Insbesondere, wenn man das Quellmaterial bedenkt. Zwar gibt es glorreiche Beispiele, wie die »Resident Evil«- oder »Silent Hill«-Reihe, die sowohl die Vorlage gut aufgreifen, als auch recht gute Filme für sich sind. »Warcraft« ist ein jüngeres Beispiel für eine gelungene Game-Verfilmung – egal ob man das Warcraft-Universum mag oder nicht, der Film ist für sich cooles Fantasy-Action-Kino ohne mit der Vorlage zu brechen. Die »Tomb Raider«-Filme werden zwar oft belächelt, aber der Erfolg gibt ihnen recht – sie sind unterhaltsames Actionkino, das deutlich mehr Storysubstanz zu bieten hat als die PC-Spiel-Vorlage. Es geht also.

Gut, es gibt auch mehr als genug Gegenbeispiele – »A Dungeon Siege« (»Schwerter des Königs«) ist z.B. für sich genommen kein so schlechter Film, aber man muss wirklich wissen, dass er auf dem Spiel »Dungeon Siege« basieren soll, denn davon merkt man in dem Film absolut gar nichts. Er tut nicht mal so, als ob er mehr als den Namen mit der Vorlage gemein haben will. Da fragt man sich, warum Uwe Boll überhaupt die Lizenz beansprucht hat (im Bezug auf Uwe Boll kann man sich so einiges fragen, aber das ist ein anderes Thema). Bolls »over the top«-Regiestil hat ihm bei »Bloodrayne« wiederum gute Dienste geleistet – zu der, nicht so schlechten, Adaption des gleichnamigen Videospiels hat der Trashfaktor ziemlich gut gepasst (im positivsten Sinne des Ausdrucks). 

Ein anderes Beispiel: »Assassins Creed« war zu viel gewollt für zu wenig Zeit – ein Problem, das sich auch oft bei Literaturverfilmungen wiederfindet. Das hätte ein toller Film werden können, wenn man einfach seiner Vorlage mehr vertraut hätte, anstatt zu einem bereits reichen Setting noch so viel mehr hinzuzudichten. Weniger ist oft mehr.

Zu Unrecht verunglimpfte Perlen

Es gibt aber einige Videospiel-Filme, die ganz furchtbar von den Kritikern und Fans gleichermaßen zerrissen wurden, obwohl das eigentlich ziemlich unfair ist, da die Filme eigentlich, auf ihre Weise, ziemlich witzig und erschütternd treu am Quellmaterial waren. Retrospektive Reviews gehen mittlerweile auch deutlich gnädiger mit ihnen um – manche Filme scheinen wie Wein zu sein. Sie brauchen Zeit zum Reifen.

doa-movie-poster.jpgDOA: Dead or Alive von 2006 ist ein gutes Beispiel für diese geschmähten Perlen. Betrachten wir zunächst die Vorlage: Bei DOA handelt es sich um ein verhältnismäßig plattes (aber immens populäres) Prügelspiel, dessen Story – sofern man das so nennen will – nicht nur verdammt dünn, sondern auch noch bemerkenswert verschwurbelt ist. Das muss man erstmal hinkriegen.

Niemand hat DOA jedoch wegen der Story gespielt und die meisten werden nicht einmal mitgekriegt haben, dass es überhaupt eine hatte. Der Appeal des Spiels lag primär in den ziemlich spektakulären Animationen der Kämpfer (vor allem der weiblichen) vor grandiosen Kulissen.

DOA, der Film, greift die Essenz auf und setzt den Fokus auf die weiblichen Hauptfiguren (ich kenne Leute, die alle Namen der Girls von DOA kennen, aber sich nur schwammig, wenn überhaupt, an die männlichen Charaktere erinnern) und bastelt aus dem bizarren, verquasten, Hintergrund ein knallbuntes, poppiges, Popcorn-Spektakel.

Ist der Film besonders anspruchsvoll? Absolut nicht. Im Vergleich zur Vorlage ist das Drehbuch aber ein literarisches Meisterwerk. 

Ist der Film unterhaltsam? Hell yeah! Witzige One-liner, Situationshumor, coole Kampfszenen und guter Flow – alles Zutaten für einen großartigen Comic-Actionfilm. Wenn man außerdem Fan des Spiels ist, wird man seinen Spaß an der Repräsentation der Charaktere und etlichen Insider-Gags haben. Mein Fazit: Das ist eine wirklich großartige Videospiel-Verfilmung.

Es ist, wie bei allen diesen Filmen, eine Frage des Anspruchs, mit dem man da herangeht. Aber auf der Suche nach einem lustigen Actionfilm macht man mit DOA keinen Fehler. Es ist eigentlich ein bisschen mysteriös, warum der so gefloppt ist, zumal deutlich abgeschmacktere Actionfilme in derselben Zeit sehr viel erfolgreicher waren. Vielleicht war das Timing einfach schlecht.

 

doom-movie-poster.jpgDoom (2005), mit Dwayne »The Rock« Johnson, ist ein weiterer, oft geschmähter, Game-Film. Das ursprüngliche PC-Spiel DOOM hat das Genre des First Person Shooters quasi begründet und seine Story lässt sich in einem Satz beschreiben: Als Wissenschaftler auf einer Marsbasis mit Teleportationstechnik einer uralten Mars-Zivilisation experimentieren, öffnen sie versehentlich ein Tor in eine höllische Dimension.

Es gibt eine Menge erfolgreicher Filme, die eine deutlich weniger gehaltvolle Basis für eine Story haben. Doom, der Film, hat sich ein paar Freiheiten mit dem Quellmaterial erlaubt: So sind die Monster z.B. keine Dämonen aus der Hölle. Das ist schade und ein guter Beweis, wo Drehbuchautoren und Produktionsstudio einfach nicht genug Vertrauen in das Quellmaterial hatten. 

Unabhängig davon ist der Film aber sehr »Doom« – das Gefühl des Jagens und Gejagt-werdens kommt definitiv rüber und die Story ist, wie ihre Vorlage, nicht originell, aber solide transportiert. Es gibt sogar eine Sequenz, in der wir dem Protagonisten durch die First-Person-Perspektive mit Knarre im Bildmittelfeld, durch Tunnel rasend, auf die Monster losgehen sehen. Das ist schon ziemlich lustig. Wenn man unverkrampft an den Film herangeht, ist er ein ziemlich unterhaltsamer First-Person-Shooter-Film, der alles enthält, was einem an einem storybasierten Shooter normalerweise auch gefällt.

 

sands-movie-poster.jpgPrince of Persia: The Sands of Time (2010), mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle, wurde auch in der Presse zerfetzt. Neben den üblichen Fanboy-Klagen wegen Abweichungen vom Quellmaterial kam er auch wegen des »whitewashings« in der Besetzung in die Kritik. Vielleicht ist das sogar ein valider Kritikpunkt, aber davon abgesehen ist kaum ein Kritikpunkt wirklich nachvollziehbar. Man hat fast den Eindruck, dass mit dem Film extra harsch umgegangen wurde, weil er eine Videospiel-Verfilmung war. Frei nach dem Motto: Das kann ja nix sein.

Dabei ist der Film nicht nur an sich ziemlich gut, – sogar dann, wenn man die Vorlage nicht kennt – er transportiert definitiv das Feeling des Spiels ziemlich gut. In Prince of Persia geht es stets um Tempo, Bewegung und dramatische Szenen. Der Film greift das ziemlich gut … nein, perfekt auf. Das ist wirklich gute Kamera-Dramaturgie in diesem Film.

Zusätzlich bleibt er der Vorlage inhaltlich ziemlich treu, trotz der Freiheiten, die er sich erlaubt. Der Film war nicht als Serie gedacht und konnte sich auch nicht als Teil einer Serie verstehen. Bestenfalls konnte er so konzipiert werden, dass eine Fortsetzung denkbar gewesen wäre. Dafür war die Marke dann doch nicht populär genug. Wenn man also bedenkt, dass die Autoren nicht auf eine über mehrere Spiele gewachsene Backgroundstory eingehen konnten, haben sie Bemerkenswertes geleistet.

Der Film transportiert die Idee der Story von »Sands of Time« ziemlich gut und das trotz der vielen Freiheiten, die er sich mit dem Quellmaterial nimmt. »Prince of Persia: Sands of Time« ist ein toller Fantasy-Film mit spektakulärer Optik, der die böse Kritik, die über ihn hereingebrochen ist, nicht verdient hat.

Aufgeben? Nein – weiter zum nächsten Level

Es ist schade, dass die wahrgenommene Qualität eines Films so sehr an seinem Erfolg an den Kinokassen abhängt. Oft spielen so viele Faktoren dabei eine Rolle, die nicht unbedingt mit der Qualität des Films an sich etwas zu tun haben. Trotz ihres schlechten Rufs sind viele Videospiel-Verfilmungen gar nicht so schlecht und das gibt ja Anlass optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Besonders wenn man bedenkt, was für potenzielle Kleinode da noch auf uns zukommen: Der SciFi-Wild-West-Shooter »Borderlands« bekommt seinen eigenen Film (mit den Produzenten von Iron Man, Spider-Man und den X-Men), »Call of Duty« bringt einen weiteren Shooter auf die Leinwand, der ohnehin schon nach einer Verfilmung geschrien hat und sogar das legendäre Cyberpunk-Epos »Deus Ex« ist gerüchteweise auch in der Warteschleife für eine Verfilmung – durch niemanden geringeren als Scott Derrickson, der u.a. für »Doctor Strange« und »The Excorcism of Emily Rose« verantwortlich ist.

Alles Spiele mit einem immens reichen Hintergrund und viel, viel, Story voller interessanter Charaktere in den Händen von durchaus fähigen Filmemachern. Natürlich können sie die Marken trotzdem an die Wand fahren – aber genauso gut können es coole Filme werden, an denen nicht nur die Fans Spaß haben werden. Freuen wir uns also erst erst einmal darauf!

 

Und ihr so? Was sind eure Lieblings-Videospiel-Filme oder welche fandet ihr besonders doof?

Und warum?