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Carlson, Jeff

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Lexikonrubrik: 

„Der nächste Atemzug wird dein letzter sein.“ — Willkommen in den Welten des Piper-Autors Jeff Carlson … falls ihr Fragen an ihn habt, könnt ihr sie direkt an ihn in seinem Blog richten.

Mal angenommen, die Welt wäre unterhalb von 3000 Metern nirgendwo sicher. Die Ideen, auf denen Nano und Plasma im Wesentlichen beruhen, ergaben sich fast von selbst. Ich wuchs in Nordkalifornien auf, praktisch auf Meereshöhe, aber die Berge der Sierra sind nur drei Autostunden von der San Francisco Bay entfernt, und so war ich von Kindheit an ein begeisterter Skifahrer und Backpacker. Meine Freunde und ich wären am liebsten ganz dort oben geblieben, weit weg von der Arbeit und den Mühen des Alltags! Als Schriftsteller bin ich ständig auf der Suche nach coolen Ideen, und irgendwann kam mir der Gedanke: „Was wäre, wenn wir nie mehr heim könnten?“ Was geschähe, wenn die geopolitische Karte auf die höchsten Gipfel der Erde zurückgedrängt und der Rest des Planeten eine Todeszone wäre? Wie würden die Nationen der Welt darauf reagieren?

Auf den ersten Blick könnte man den Eindruck gewinnen, ich sei ganz schön gestört. Es ist ein abartiger Gedanke. Aber ich habe bei meinen Storys schon immer großen Wert auf den Mut, die Intelligenz und die Entschlossenheit der Charaktere gelegt. Eigentlich bin ich ein ganz normaler, zufriedener Mensch. Meine Frau ist klasse, wir haben zwei starke, intelligente Kinder, und meine Arbeit macht mir Spaß. Hat man jedoch erst einmal den Grundgedanken der Story akzeptiert, dann entwickeln sich die Dinge leider rasch in eine ungute Richtung — doch gerade das macht meiner Meinung nach den großen Erfolg der Bände aus. Wie weit würdest du gehen, um dein eigenes Überleben zu sichern?, ist eine unglaublich harte Frage. Oberhalb 3000 Metern gibt es sehr, sehr wenige Tiere oder Pflanzen, die man essen könnte, keine Unterkünfte, keine technischen Errungenschaften und kein Heizmaterial.

Wenn es zu einer Krisensituation kommt, werden manche Menschen versagen — aber es wird immer auch andere geben, die an ihrer Aufgabe wachsen. An jeder Aufgabe. Der Mensch ist das klügste, widerstandsfähigste Geschöpf unseres Planeten, und doch hat jeder von uns irgendwo einen blinden Fleck. Eine Schwachstelle, die gegen uns arbeitet. Wir selbst sind die Ursache fast aller unserer Probleme. Das fasziniert mich. Gegenwärtig veröffentlichen Wissenschaftler höchst verblüffende Dinge auf dem Sektor der Medizintechnik. Ganz besonders beeindruckt war ich von der Methode, mit Hilfe primitiver Nanobots Tumore aufzuspüren und zu zerstören. Der Begriff Nanotechnologie bezieht sich auf eine Messgröße. Ein Millimeter ist ein Tausendstel, ein Nanometer ein Milliardstel eines Meters. Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet „Nano“ etwas so Winziges wie beispielsweise ein Virus. Nanotechnologie wird heute für sämtliche Vorgänge in der Physik und Chemie benutzt, die sich in diesem Größenbereich abspielen — und davon gibt es im 21. Jahrhundert mehr als genug. So finden sich in Sonnenmilch Nano-Partikel von Zink oder Titandioxid, die das Zeug durchsichtig machen und verhindern, dass man mit einem weiß verschmierten Gesicht herumläuft. Und Nano-Silber wird als Anti-Odorant für Socken verwendet. Wenn man bedenkt, dass sich die Nanotechnologie mit mikroskopisch kleinen Dingen beschäftigt, umfasst sie ein unglaublich weites Feld, das allmählich alle Lebensbereiche durchdringt. Wir sind umzingelt von Nanotechnologie. In diesem Buch allerdings haben die Protagonisten vor allem mit Maschinen im Nano-Maßstab zu tun. Die ehrgeizigsten Forscher auf diesem Sektor träumen davon, einen Roboter zu entwickeln, der sich auf ihr Geheiß hin nicht nur selbst vermehrt — denn ein einzelner solcher Winzling wäre im Grunde nutzlos — sondern darüber hinaus in der Lage ist, Dinge im Molekülbereich zusammenzusetzen oder umzuformen. Theoretisch könnten solche Nanobots aus Dreck Gold machen. Oder Lebensmittel. Oder Medikamente. Oder einen Kaltfusionsreaktor. Sobald wir die elementaren Bausteine des Universums unter Kontrolle haben, lässt sich fast alles herstellen. Noch ist es ein weiter Weg bis zu diesen Wundern. Momentan begnügt sich die Nanotechnologie mit der Produktion besserer Sonnenmilch und Socken, neuer Lichtleiter und Mikroprozessoren. Aber ein paar bewundernswert kluge Leute setzen bereits primitive Nanobots bei der Suche nach Tumoren ein. Tumore enthalten mehr Säure als gesundes Gewebe, und so injiziert man Patienten mittlerweile Trägermaterial im Nano-Bereich, das auf diese Säure reagiert und Marker freisetzt, mit deren Hilfe sich der Tumor im Kernspin-Tomographen genau orten lässt. Klingt alles großartig, nicht wahr? Aber genau hier fängt die Sache an, gruselig zu werden. Das Problem selbst bei passiven Nanotech-Partikeln, wie sie in durchsichtiger Sonnenmilch oder geruchsfreien Socken verwendet werden, besteht darin, dass man solche Mini-Teilchen unmöglich in Schach halten kann. Der Schrott in der Sonnenmilch dringt durch die Poren in den Körper ein, wo er im Fall von größeren Mengen die Hormonproduktion stören kann. Das Zeug in den Socken wird herausgewaschen und ins Grundwasser gespült, wo es die Biologie durcheinanderbringt — und ich spreche nicht nur von Fröschen und Fischen, sondern auch von Menschen, die es mit dem Trinkwasser aufnehmen und dadurch eventuell geschädigt werden …

Aber das ist erst der Anfang. Es gibt Hunderte von Privatlabors, manche kommerziell, manche militärisch, die nicht veröffentlichen, was sie so treiben. Man mag sich Nanobots als Waffen überhaupt nicht vorstellen. In Nano und Plasma beschreibe ich Forscher, die den Schritt von „dummen“ Nanobots zu aktiven, „intelligenten“ Maschinen geschafft haben —Maschinen, mit deren Hilfe sie Krebsgewebe im menschlichen Körper aufspüren und beseitigen wollen. Soviel ich weiß, gibt es im wirklichen Leben bereits Forschungsgruppen, die solche Maschinen entwickelt haben. Die Wissenschaftler in Nano weigern sich ebenfalls, ihre Ergebnisse publik zu machen, nicht weil sie Böses im Sinn haben, sondern weil es sich um urheberrechtlich geschützte Informationen handelt. Die Ersten, die eine solche Erfindung auf den Markt bringen, werden Billionen Dollar verdienen, obwohl Reichtum in diesem Fall eher eine untergeordnete Rolle spielen dürfte. Wenn es nämlich gelänge, so ein Krebsmittel noch um eine oder zwei Stufen zu verbessern, wäre man fast unsterblich — man könnte rauchen, trinken und sich obendrein Tag für Tag mit Donuts vollstopfen! Solche Nano-Maschinen würden die Lungen reinigen, die Leber kräftigen, alle möglichen Leiden wie Diabetes und Multiple Sklerose heilen, uns vor Aids und Kampfgasen schützen und sogar gewöhnliche Erkältungen von uns fernhalten. Der Nanobot meiner Protagonisten ist noch nicht sehr weit gediehen. Eines Tages, so hoffen sie, wird der Prototyp selbst komplexe Aspekte von Alter und Siechtum vollständig besiegen. Im Moment jedoch hat er nur gelernt, die Körperwärme seines Wirtes als Energiequelle zu nutzen und sich mit Hilfe der Kohlenstoff- und Eisenanteile in den Krebsgeweben zu vervielfältigen. Sonst nichts. In diesem Stadium kommt es zu einem Fall von Industriespionage, und der Nanobot entweicht er aus ihrem Labor. Niemand vermag ihn aufzuhalten. Doch zum Glück für die Welt besitzt er eine Schwachstelle — eine Unterdrucksicherung, die das Forschungsteam zur besseren Kontrolle seiner Maschine eingebaut hatte. Es war nämlich geplant, die Patienten in einer hermetisch versiegelten Kammer zu behandeln und anschließend den Luftdruck auf siebzig Prozent abzusenken, sodass sich die Nanobots selbst zerstören und die Patienten glücklich und vom Krebs geheilt aus dem Reinraum auftauchen würden. Die schlechte Nachricht ist, dass siebzig Prozent der Normalatmosphäre nur oberhalb von 3000 Metern anzutreffen sind. Die Barriere schwankt mit dem Wetter, aber nur geringfügig, und es gibt in dieser Höhe nicht allzu viele Möglichkeiten für eine Besiedlung. Unterhalb der Todesgrenze verschlingt der außer Kontrolle geratene Nano alles warmblütige Leben. Übrig bleiben einige Insektenarten, Amphibien und Reptilien. Obwohl die Bände eine Katastrophe von gigantischem Ausmaß schildern, habe ich versucht, den Handlungsrahmen sehr persönlich zu gestalten.

Darauf bin ich als Autor besonders stolz. Meine Protagonisten sind gute Menschen, wenn auch zutiefst verletzt. Sie geben ihr Bestes, um die Welt zusammenzuhalten, aber äußere und innere Konflikte stürmen von allen Seiten auf sie ein, vom amerikanischen Bürgerkrieg in den Rocky Mountains bis hin zu sehr privaten Überlebenskämpfen in den winzigen sicheren Enklaven Kaliforniens. Mein nächstes Projekt ist ein umfangreicher Thriller, der als Einzelband erscheinen soll. Außerdem arbeite ich zusammen mit dem wunderbaren David Brin an einem SF-Roman. Mein Deutsch ist bestenfalls rudimentär, aber ich freue mich über Zuschriften auf meiner Website www.jverse.com, wo Leser meinen Blog sowie Preisausschreiben, Videos, tolle Fotos, die Umschlaggestaltung diverser Ausgaben und vieles mehr finden können. Schaut ruhig mal rein!

Kommentare

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Bild des Benutzers Nazena

Oberhalb 3000 Metern gibt es sehr--> Oberhalb von 3000

Nanobot entweicht er aus--> er weg

Na, ich schätze da gab es einen Ghostwriter ;). Aber toller Artikel.

-------------------------------------------------------------------------------------------- Vor fünfhundert Jahren wussten wir, dass die Erde eine Scheibe ist. Heute wissen wir: sie ist kugelförmig. Stell dir vor, was wir in 500 Jahren wissen werden! -

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Bild des Benutzers Quixottel

... dass der herr carlson hier auf der seite vertreten ist und letztes jahr im juli einen eigenen blog hatte, in dem man texten konnte.. dort verrät er auch das seine frau aus deutschland kommt. vielleicht hat die ja diesen text verfasst? er selbst wird es nicht gewesen sein - halt ich ziemlich für ausgeschlossen! 

 

ansonsten bin ich noch gespannt was du so alles bei den Autorenlexikas findest... denn nicht wenige autoren haben hier selbst finger an die tastatur angelegt und bisher hat sich da niemand getraut etwas zu sagen.

ich hatte bisher noch keine lust oder kenne die autoren nicht... ;)

grüße und.. ja, der artikel hier kann wohl so stehen bleiben, auch wenn er keinerlei oberflächliche gliederung beinhaltet... (tststs)

;)

 

Du sollst nicht vorwärts finkeln!

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