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Hardebusch, Christoph: Die Werwölfe

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Lexikonrubrik: 
„Die Werwölfe“ ist Christoph Hardebuschs neuestes Fantasyprojekt und zugleich ein weiterer Schritt des Autors weg von den klassischen Elementen der Fantasy. Der Roman ist am ehesten der Contemporary Fantasy bzw. der Urban Fantasy zuzuordnen, da er historische Fakten rund um die englischen Romantiker des 19. Jahrhunderts („Schwarze Romantik“) aufgreift.
 
Achtung Spoiler nicht ausgeschlossen, auch wenn Teile der Handlung ausgespart wurden!!!
 
  1. Inhalt
  2. Fiktion und Wirklichkeit / Charaktere
  3. Fazit
  4. Links
     
 

Inhalt:

Die Handlung spielt in den Jahren 1816 bis 1824. Der Roman ist in zwei Bücher gegliedert, die nach literarischen Figuren der Antike bzw. Klassik benannt wurden: Prometheus und Orpheus.
Die Handlung setzt im beschaulichen Arezzo (Toskana) nach dem Sturz Napoleons ein. Dort leben Niccolo Viviani, die Hauptfigur, seine Familie und Valentine Liotard, deren Mündel. Beschränkte sich sein Leben bisher auf das Sammeln und Lesen von Literatur und Erfinden von Gruselgeschichten, stehen nun tiefgreifende Veränderungen in Niccolos Leben an. Er soll zum Militär gehen, gegen das er eine tiefe Abneigung hegt, darf vorher aber zu einer Grande Tour durch ganz Europa aufbrechen und damit einen Traum verwirklichen. Mit gemischten Gefühlen bricht er also Richtung Genf auf, um Valentine, mittlerweile im heiratsfähigen Alter, wieder nach Hause zu ihren Eltern zu begleiten. Niccolo liebt sie von ganzem Herzen, hat aber bisher noch nicht den Mut gefunden, ihr seine Liebe zu gestehen.
Angekommen in Genf macht er die Bekanntschaft des mysteriösen Lord Byron, eines mindestens ebenso berühmten wie berüchtigten Schriftstellers aus England. Er folgt trotz Valentines Bedenken dessen Einladung in seine skandalumwobene Villa Diodati. Dort lernt er auch Mary und Percy Shelley sowie Claire Clairmont und Byrons Hausarzt Polidori kennen. Sie wissen ihn durch ihre literarischen Kenntnisse und rhetorischen Fähigkeiten zu fesseln. Immer wieder besucht Niccolo sie nachts, auch wenn er damit dem Ruf der Liotards schadet.
Schließlich kommt er einem dunklen Geheimnis der Engländer auf die Spur. Er beobachtet ein mystisches Ritual und glaubt, dem Mord an Percy Shelley beigewohnt zu haben, was sich jedoch als Fehlinterpretation herausstellt. Doch wieder zieht Lord Byron ihn in seinen Bann. Er erzählt ihm von ihrer Existenz als Werwölfe und bietet dem jungen Italiener an, sich ihrem Kreis anzuschließen. Niccolo willigt nach einigem Zweifel, angezogen von Byrons Überzeugungskraft, ein.
Kurz vor dem Abschluss des Initiationsrituals kommt es jedoch zu einem Zwischenfall. Eine geheime kirchliche Organisation greift die Werwölfe an und Niccolo muss fliehen. Noch immer wagt er es nicht, sich Valentine zu offenbaren und verschwindet, ohne sich zu erklären. Sie ist völlig verzweifelt, heiratet aber schließlich den undurchschaubaren Adligen Ludovico von Karnstein.
Nun beginnt eine verworrene Hetzjagd durch ganz Europa. Niccolo- zerrissen von Liebeskummer und Angst- muss um das Leben der Menschen fürchten, die er liebt. Und plötzlich regen sich auch in ihm dunkle Kräfte...
 

Fiktion und Wirklichkeit:

 Die Geschichte beruht auf wahren Tatsachen, soweit dies bei einem Roman über Werwölfe möglich ist. Christoph Hardebusch verbindet geschickt Fantasyelemente mit historischen Begebenheiten und Persönlichkeiten und zeichnet so ein faszinierendes Gesellschaftsbild des beginnenden 19. Jahrhunderts. So tauchen auch hier und da vertraute Namen wie Alexander von Humboldt oder Goethe auf.
 
Niccolo Viviani:
Im Roman: Die Hauptfigur ist komplett erfunden. Niccolo ist ein junger Adliger aus der Toskana, der zu seiner Grande Tour durch ganz Europa aufbricht. Er liebt die Literatur und schreibt selbst Gedichte und Geschichten. Er hat nicht den Mut, sich seiner großen Liebe, Valentine, zu offenbaren. Im Laufe der Geschichte ist Niccolo vielen Veränderungen unterworfen. Er wird vom schüchternen Jüngling zu einem verantwortungsbewussten jungen Mann, der versucht, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
 
Valentine Liotard:
Im Roman: Auch Valentines Charakter ist komplett erfunden. Valentine ist ein sehr warmherziger Mensch und bringt alle Menschen in ihrer Umgebung zum Lächeln, was nicht nur an ihrer Schönheit liegt. Sie ist auch intelligent und literarisch versiert, was das Begehren vieler Männer weckt.
 
Ludovico, Conte von Karnstein:
Im Roman: Ludovico ist ein geheimnisvoller Adliger, der sich selten lange an einem Ort aufhält. Beeinflusst wird sein Denken und Handeln durch eine Dunkelheit, die einen immerwährenden Schatten über sein Leben wirft. Nur die Gegenwart Valentines kann seinem Leiden Linderung verschaffen, da er sie von ganzem Herzen liebt. Er bittet ihren Vater um ihre Hand und erhält Valentine zur Frau. Er behandelt sie mit Respekt und Hingabe und hat keine Geheimnisse vor ihr.
Bezug zur Wirklichkeit: Ludovico ist vermutlich Polidoris Bild vom „Gentleman-Vampir“ aus seinem Roman „The Vampyre“ nachempfunden.
 
George Gordon, Lord Byron:
Im Roman: Zum Werwolf wurde Byron auf seinen Reisen ins Osmanische Reich. 1816 begegnet Byron Niccolo zufällig in Genf und schlägt diesen sofort in seinen Bann. Er hat eine große Überzeugungskraft und wirkt auf jeden anziehend, egal ob Mann oder Frau. Byron ist redegewandt, leidenschaftlich und egozentrisch. Er setzt sich für Freiheit und Gerechtigkeit ein, genießt aber auch einen zweifelhaften Ruf und trifft die ein oder andere unmoralische Entscheidung. Er hat viele Geliebte, zur Zeit des Romans Claire Clairmont.
In Wirklichkeit: Lord Byron war einer der populärsten Schriftsteller der Romantik in England. Der Charakter der Figur im Buch ist ihm nachempfunden und entspricht zugleich dem „Byronic Hero“, dem Archetypen aus Byrons Werken. Byron war literarisch sehr angesehen, machte seiner Zeit aber vor allem durch seine egozentrische Art und zahlreiche Liebschaften (u.a. mit Claire Clairmont und seiner Halbschwester Augusta) auf sich aufmerksam. Später war er eine führende Persönlichkeit des Griechischen Widerstands, wie auch im Buch beschrieben, und starb dort u.a. an den Folgen des Aderlasses. Goethe widmete ihm die Figur des „Euphorions“ in Faust II, der ebenso jung starb.
 
Mary Shelley:
Im Roman: Geliebte und später Frau von Percy Shelley. Sie ist intelligent, stellt sich aber nie in den Vordergrund. Im Buch spielt sie eher eine Nebenrolle.
In Wirklichkeit: Mary Godwin, später Shelley, ist wohl die berühmteste der im Roman dargestellten romantischen Schriftsteller. Weltruhm erlangte sie mit ihrem Roman „Frankenstein“, der auf den Ideen der Gruselgeschichten aus der Villa Diodati im Jahr 1816 beruht. Der Grundgedanke des Buches mit dem Untertitel „Der moderne Prometheus“ wird auch im Roman von den Figuren besprochen und gibt vermutlich dem 1. Teil (Prometheus) seinen Namen.
 
Percy Shelley:
Im Roman: Percy Shelley wird von Byron zum Werwolf gemacht und ist dessen Vertrauter. Er ist überzeugter Atheist und ein leidenschaftlicher Verfechter seiner Ideale. Er ist mit Mary Shelley verheiratet und liebt diese, verrät ihr aber nichts von seiner Existenz als Werwolf.
In Wirklichkeit: Englischer Schriftsteller der Romantik, Verfechter des Atheismus und guter  Freund von John Keats
 
John William Polidori:
Im Roman: Byrons Leibarzt und dessen engster Vertrauter, ebenfalls Werwolf. Polidori ist intelligent und sprachlich begabt wie die anderen Engländer, ist aber besonnener als Byron und Shelley. Er verehrt Mary Shelley und steht deshalb in ständiger Konkurrenz zu Percy Shelley.
In Wirklichkeit: Polidori ist der Autor des Romans „The Vampyre“ und damit Begründer des heutigen Vampirbildes bzw. Inspiration für Bram Stokers „Dracula“. Er war wie im Buch Byrons Leibarzt, der nach dessen Tod unter ungeklärten Umständen starb.
 
Claire Clairmont:
Im Roman und in Wirklichkeit: Schriftstellerin, Halbschwester von Mary Shelley und Geliebte Byrons, später haben sie eine gemeinsame Tochter.
 

Fazit:

„Die Werwölfe“ ist ein sehr gelungenes Buch, das Balsam für Twilight-geschundene Vampirfans ist. Hardebusch etabliert sich mit diesem Buch weiter als Autor erstklassiger Fantasy der etwas anderen Art und beweist, dass Fachwissen und Fantasie sich nicht ausschließen müssen. Das Buch ist Schwarze Romantik für Anfänger und Fortgeschrittene und regt zum Nachdenken und Recherchieren an. Nachdem man die übliche Durststrecke der ersten 100 Seiten überwunden hat, zieht einen die Handlung in Bann und man möchte das Buch gar nicht mehr zur Seite legen.

Alles in allem: Stilistisch top; interessante, im wahrsten Sinne des Wortes realistische Charaktere und ungeheuer spannend!

 

Links:

Kommentare

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Bild des Benutzers Argimpasa

Sehr gelungener Artikel! Auch die Gegenüberstellung von Fiktion im Roman und Wirklichkeit ist sehr informativ. Man bekommt Lust, das Buch zu lesen (->Twilight-geschundene Vampirfans, hihi!)

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Bild des Benutzers Boindil1

Ein echt toller Artikel,er ist sehr gut geschrieben und gefällt mir echt gut,man bekommt richtig lust auf dieses Buch,wie schon gesagt ein echt schöner Artikel von dir.

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Bild des Benutzers Nazena

Bitte Titel ändern in Hardebusch, Christoph: Die Werwölfe

Sehr schöner Artikel, TOP!!!

-------------------------------------------------------------------------------------------- Vor fünfhundert Jahren wussten wir, dass die Erde eine Scheibe ist. Heute wissen wir: sie ist kugelförmig. Stell dir vor, was wir in 500 Jahren wissen werden! -

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Bild des Benutzers Lorin

nur das mit dem spoiler am Anfang kannst du rausmachen, da es nicht so extrem ist und auch nur den Kerninhalt gibt( denk ich mal kenne das buch nicht)

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Bild des Benutzers Gorywynn

Japp^^ bis auf das der Titel so nicht ganz stimmt, finde ich den Artikel auch echt klasse und das mit dem Spoiler finde ich, muss da zwar nicht stehen, aber es schadet der ganzen Sache ja auch nicht.

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Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid

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Bild des Benutzers Fusca

Ich habe zwar keine Ahnung, was ihr mit Titel ändern meint, aber ich nehme einfach an, Argimpasa hat ihn schon geändert. Bei mir heißt er jetzt "Hardebusch, Christoph: Die Werwölfe". Keine Ahnung wie es vorher war.
Den Satz zum Spoiler würde ich gern drinlassen. er bezieht sich vor allem auf die Figurencharakterisierung, da sie nicht ohne Handlung ab ca. Seite 300 umsetzbar wäre.
Aber trotzdem danke für die Tipps.

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Bild des Benutzers Quixottel

hehe.. an deinen artikeln gefallen mir die meist mittenrein - naja, oder am schluss - gesetzten negativaspekte. 100 seiten durststrecke... das macht das ganze doch angenehm herabgewiegelt. geradezu raus aus dem glorienschein rein in die konstruktive realtiät - um ihr mit fantasy zu entkommen... jaja, manchmal sollte man sich mit paradoxen umgeben, um die logik nicht aus den augen zu verlieren.

 

ähm. tjoa, habe ich dir jetzt ein bisschen den bauch gepinselt?! hoffe dir hats gefallen. mir hat der artikel zumindest keine literarische gewalt angetan, ich kenne das buch noch nicht, aber das wird sich ändern. vor allem interessiert mich was es mit den beiden büchern auf sich hat. wie nah baut hardebusch auf die verrankung von titel mit inhalt?! prometheus und orpheus sind schon recht eindeutige charaktere... ich bin interessiert.

gut gemacht!  (... sagt meister lempel und lehnt sich im ohrensessel zurück... :P)

 

 

Du sollst nicht vorwärts finkeln!

Du sollst nicht vorwärts finkeln!

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Bild des Benutzers CanisLupus

Der Artikel gefällt mir gut. Besonders die Gegenüberstellungen von Fiktion und Wirklichkeit :) Sehr interessant!

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Bild des Benutzers CanisLupus

Mein liebstes Buch von ihm. Schön geschriebener Artikel :)